Deutschland hat offenes Dokumentenformat zum Standard gemacht

Die deutsche Bundesregierung hat den sogenannten Deutschland-Stack verabschiedet.

Ab sofort müssen alle offiziellen Regierungsdokumente auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene offene Formate verwenden: ODF und barrierefreie PDFs.

Das bedeutet, dass Microsofts .docx-Format, das seit zwei Jahrzehnten in so gut wie jedem Büro des Landes der Standard war, nun seine privilegierte Stellung im deutschen öffentlichen Sektor verloren hat.

Was ist ODF?

ODF steht für Open Document Format. Es ist ein offener Standard, der keinem gehört keiner kontrolliert und ohne einen öffentlichen Prozess nicht geändert werden kann.

LibreOffice verwendet ODF standardmäßig. Microsoft Office kann ODF-Dateien technisch gesehen ebenfalls öffnen und speichern. Allerdings war dies nie die Standardeinstellung, und die Kompatibilität war immer gerade so ausreichend.

Der Sinn der ODF-Vorgabe besteht nicht darin, Microsoft zu verbieten. Man kann weiterhin Word verwenden, aber ein behördliches Dokument nur nicht mehr als .docx, sondern als .odt speichern.

Das mag nach einer Kleinigkeit klingen. Es ist eine große Veränderung.

Warum das Format von Bedeutung ist

Wenn eine Regierung ein geschütztes Format standardisiert, schafft sie eine Abhängigkeit. Jede Behörde, jeder Auftragnehmer, jeder Bürger, der mit diesen Dokumenten zu tun hat, benötigt Software, die dieses Format richtig lesen kann.

Und für .docx bedeutet das in der Praxis Microsoft Office.

Zwar kann LibreOffice .docx-Dateien öffnen. Aber jeder, der es schon einmal ausprobiert hat, weiß: Die Formatierung kann dabei verloren gehen. Tabellen verschieben sich. Schriftarten werden durch andere ersetzt. Es sieht zwar weitgehend gleich aus, ist aber unterschiedlich genug, um Probleme zu verursachen.

ODF hebt dies auf.

Wenn der Standard offen ist, liefert jede Software, die den Standard korrekt implementiert, identische Ergebnisse. Der Wettbewerb verlagert sich von "Wem gehört das Format?" hin zu "Wer entwickelt den besten Editor?".

Die Entwicklung hat sich schon eine Weile abgezeichnet

Für diejenigen, die den Bruch der EU mit der amerikanischen Tech-Branche verfolgt haben, ist diese Entwicklung nicht überraschend.

Mehrere EU-Länder sind seit Jahren dabei, sich von Microsoft unabhängig zu machen.

Dänemark stellt seine Ministerien auf Linux um. Der Internationale Strafgerichtshof hat Office abgeschafft. In Frankreich laufen eine halbe Million Regierungsarbeitsplätze mit LibreOffice.

Deutschland hat dies offen kommuniziert. Schleswig-Holstein, zum Beispiel, hat damit begonnen, 30.000 Regierungsmitarbeiter auf Open-Source-Software umzustellen. Dieses Projekt ist noch nicht abgeschlossen, aber die ODF-Vorgabe macht es schwieriger, diesen Kurs wieder umzukehren.

Und genau darin liegt die wahre Bedeutung. Frühere Bemühungen waren Pilotprojekte. Empfehlungen. Experimente, die aufgegeben werden konnten, wenn sich der politische Wind drehte. München hat es 2004 versucht und 2017 wieder rückgängig gemacht.

Diesmal ist es anders. Dies ist eine Vorschrift und somit Verbindlich - für alle.

Was das für Microsoft bedeutet

Word, Excel, PowerPoint - alles kann weiterhin verwendet werden. Die Software bleibt aber das Format ändert sich.

Aber wenn man eine Behörde ist und ohnehin alles im ODF-Format speichern muss, wird das Argument für die Zahlung von Microsoft-Lizenzgebühren deutlich schwächer.

LibreOffice unterstützt ODF standardmäßig, ist kostenlos, funktioniert offline und sendet keine Daten an Microsoft.

Microsoft wird sich sicherlich anpassen. Sie werden ihre ODF-Unterstützung verbessern, ihre Produkte als "kompatibel mit Regierungsstandards" vermarkten und versuchen, die Verträge zu behalten.

Aber die Bindung wird aufgebrochen und das ist entscheidend. Sobald das Format offen ist, wird der Softwarewechsel zu einer Frage der Präferenz und nicht mehr zu einem Migrationsprojekt.

Die Umstellungsphase

Tausende von Regierungsmitarbeitern, die ihr ganzes Berufsleben lang Word genutzt haben, müssen nun entweder ihre Gewohnheiten beim Speichern ändern oder komplett auf eine andere Software umsteigen.

Vorlagen müssen aktualisiert werden. Makros müssen neu geschrieben werden. Ältere Dokumente im .docx-Format verschwinden nicht über Nacht.

Veränderungen brauchen Zeit. Und die ersten Monate werden viel Frustration à la "früher war es besser" mit sich bringen. Dies ist aberbei einer solchen Veränderung ganz normal. Jede groß angelegte IT-Umstellung macht das durch.

Das große Ganze

Der Deutschland-Stack ist Teil einer umfassenderen Initiative zur digitalen Souveränität.

Offene Standards für Dokumente. Europäische Cloud-Infrastruktur. Weniger Abhängigkeit von amerikanischen Tech-Unternehmen, die rechtlich gesehen gemäß dem CLOUD Act verpflichtet sind, Daten an US-Behörden weiterzugeben.

Die Open-Source-Tools, die Microsoft in europäischen Regierungen ersetzen, werden von Jahr zu Jahr besser. LibreOffice, OpenDesk und nun Office EU, eine brandneue, zu 100 % europäische Cloud-Suite, die gerade eingeführt wurde.

Negative Aspekte

Die Kompatibilität mit der Privatwirtschaft ist der wichtigste Punkt. Wenn eine Behörde eine .odt-Datei an ein Unternehmen schickt, das Microsoft Office nutzt, könnte die Formatierung sich unterscheiden. Das gilt auch umgekehrt. Dies führt zu Reibungsverlusten an der Schnittstelle zwischen öffentlichem und privatem Sektor.

Es stellt sich auch die Frage, ob sich dies tatsächlich durchsetzen wird. Deutschland hat eine lange Geschichte ambitionierter digitaler Projekte, die vielversprechend beginnen und dann still und leise im Sande verlaufen.

Vorgaben funktionieren nur, wenn sie durchgesetzt werden.

Veränderung mit großer Tragweite

Das ist eine kleine Veränderung mit großer Tragweite. Offene Formate bedeutet Auswahl. Auswahl bedeutet mehr Wettbewerb. Wettbewerb bedeutet bessere Software für alle und nicht nur für den Anbieter, der zuerst da war.